Gesellschaftsweitwurf

Kunst ist auch manchmal eines: Gesellschaftsweitwurf. Eine trajektorische Disziplin, selbige man Stefan Zöllners durchaus zuschreiben kann: Obwohl sie machtlos wirkt, da ihr offener Ideenraum dem Betrachter weder Rezeptions- noch Antwortebene vorzuschreiben scheint, kann sie dennoch qua ihrer utopischen Hellsicht den wachen Teilnehmer signifikant beschleunigen.

Vor ca. einem Jahr waren Siggi und ich zu Gast in Stefans Atelier vor den Toren Düsseldorfs. Dabei entstand der folgende kleine Clip (aus der Hüfte geschossen), den wir anlässlich der AION-Vernisage in Köln gerade wiedergefunden haben.

The Siggi’s Speech zur AION Ausstellung wurde ebenfalls videofiziert:

PR, Netzwerken und Propaganda unter den Bedingungen des 21. Jhds

In den 80er und 90er Jahren wurde in Management-Seminaren und solchen, die sich dafür hielten, davon gesprochen, welche Macht im Netzwerken steckt. Nun, 2010 netzwerkt irgendwie jeder, zumindest einige hundert Millionen Menschen und dies mit exzessivem Einsatz von Hochtechnologie. Dies ist möglich, da selbige im Sinne Espositos “transparent” geworden ist.

In einer Gesellschaft, in der das Netzwerken zum täglichen Brot gehört, kann es nicht mehr ein Werkzeug zur Machterlangung sein. Oder? Beschleunigt man das Netzwerken linear, so könnte durch die kontinuierliche Verbesserung der Qualität der Netzwerke nach wie vor ein Wettbewerbsvorteil zu erreichen sein. In exponentiell beschleunigten Systemen oder allein schon dann, wenn der Vergleich der Qualität der Knotenpunkte nur eine sehr kleine Schwelle darstellt, dürften die Kosten die notwendig sind, einen signifikanten Abstand zur Masse herzustellen, jedoch ebenfalls exponentiell steigen.

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Complexity & Processity

Der letzte Artikel hier im Wavetank von Dr. J., “The Wave, Buzz, Facebook, and Everything“, mäkelt an den Vielzahl der Quellen, dem Rauschen in den Kanälen und der Redundanz der Informationen auf den Kanälen herum. Das J. dabei nicht schirrmachert weiß jeder, der auch nur kurz in die Ästhetische Gesellschaft hereingeblickt hat.

Wichtig ist, die notwendige Reflexionshöhe einzunehmen. Daher 3x ein ganz einfaches Ja:

  • Ja, wir leben in einer Zeit des Wandels und müssen mit uns selbst wie mit unserer Umwelt geduldig sein
  • Ja, wir leben in einer beschleunigten Zeit und müssen uns daher gelegentlich anschnallen
  • Ja, wir leben in einer Zeit der Abstraktion und müssen das Lernen von den Fakten auf die Methoden verlagern

Das Sehnen aus J.’s Artikel ist mehr als verständlich; und dem Motto dieses Blogs folgend, ist es als ein notwendiger Schmerz zur Beschleunigung aus dieser merkwürdigen Watte-Zeit heraus. Einer Zeit, in der die Gesellschaft selbst zerrissen scheint zwischen müder Restauration und gewagter Utopie; in der diese beiden aber zugleich merkwürdig abstrakt und unfassbar sind. Spürbar sind sie, aber was genau ist denn damit gemeint?

Das Vorstehende soll für dieses Mal eine rhetorische Frage bleiben; da ich hier auf einer anderen Ebene konkretisieren möchte:

Was könnte denn eine Kulturtechnik sein, mit deren Hilfe wir in das folgende Zeitalter schreiten können? Das Zeitalter voller neuer Technologien, die jede für sich grundsätzliche Fragen auf absoluter Höhe stellt (nur zur Erinnerung: Nano-Assembling, Bio-Assembling, Gentechnik, (Nano-)Robotik, Computing und Informationstechnologie).

In einem anderen Zeitalter hätte man vermutlich den Term der Werte gesucht; wenn die Welt jedoch digital wird und die oben erwähnten Technologien durchschlagen, könnte die Kulturtechnik des Wertekonsens zu kurz greifen.

Ein Ansatz, der gelegentlich schon durch die Ästhetische Gesellschaft waberte, scheint mir das Üben des richtigen Maßstabes zu sein; Dinge von ganz nah und gleichzeitig von ganz fern betrachten zu können. Ein schneller Tanz der Gedanken, der Inspiration und der Erfahrung: Skalierung in der Betrachtung und im Betrachteten. (siehe auch: Vom kulturellen Wirkungsquantum)

So wie wir heute ein Bauchgefühl für den richtigen Ton, das Duzen oder Siezen, für Smalltalk und Eskalation, für Tischmanieren, die Unschuldsvermutung und 1000 andere Gesten entwickelt haben um in der Gesellschaft der sozialen Marktwirtschaft miteinander leben zu können, so ist es notwendig, eine ebenso tiefe Geste zu etablieren, die den skizzierten Anforderungen gerecht wird.

Zu wissen, wann das Verstehen das Sehen von Atomen erfordert; wann es des übergeordneten Musters bedarf. Selbstverständlich ist dies nicht binär, sondern ein Übergang.

Guckt man nun hier mit der Metabrille; so muss eine Gesellschaft des “Flux”, die von den Vorteilen der technologischen Beschleunigung profitieren will, auf der Seite des Fortschritts die Komplexität umarmen. Muss eben jene Skalierungsübung immer wieder vollziehen, solange bis der Fokus scharf ist und sich dann, auf der Seite der Integration, beständig auf die Feinjustierung gesellschaftlicher Prozesse verständigen.

Das Lösen von der Ebene der Informationsatome ist dabei ebenso selbstverständlich wie auch überflüssig. Die Entitäten des Wissens werden allgegenwärtig zur Verfügung stehen. In einer wirklich digitalisierten Gesellschaft noch um Größenordnungen intensiver als heute. Verloren der, der sich nicht auf das Erkennen von Mustern versteht. (Update: Noch verlorener der, der bisher seine Wertschöpfung mit der Vermittlung von Fakten erwirtschaftete und nun die Ebene der Muster nicht versteht. Siehe auch: Die Kybernese der Gesellschaft)

Die Abstraktionsebene kennt natürlich das Mittel und den Phänotyp des Beispiels; was aber nichts vom Paradigma des Zugangs durch das Muster abziehen kann.

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weitere Leseempfehlungen im Kontext:

Just say NO

Das Leitmotiv vieler gegenwärtiger politischer, wirschaftlicher und gesellschaftlicher Prozesse scheint mir ein Nein zum Nein zu sein. Unter diesen Bedingungen ist die Flucht in die scheinbare Sicherheit von Trends nichts als der Ausdruck der Mutlosigkeit zur Utopie. Nur wo die phantastische Negation eines Bestehenden ihren mutigen Ausdruck in der Vision einer Utopie findet, können auch Kulturformen des Übergangs (Luhmann) gefunden werden um die explodierende CO-ntingenz auf bearbeitbaren Boden zu reduzieren. Nur so könnten statt im Kern lächerlicher futuristischer Kürvchen, Bilder von Zukünften formuliert werden, die genügend CO-nsens erzeugen, damit Organisationen Formen finden, die ihnen ermöglichen genügend Selbstähnlichkeit aufrechtzuerhalten, ohne die notwendigen Transformationen in Katastrophen oder Dystopien enden zu lassen. Zuviel Ernst produziert in dieser Lage nur eventuell tödliche Denkverbote.

Collaboration und Konflikt

Mein kleiner Vortrag über Disruption und Konflikt auf dem 2. WaveWednesday am 13. August scheint ohne mein Wissen voll im Trend gelegen zu haben. Just heute morgen blieb in meinen Filtern folgendes hängen:

Developing the Virtual Society: Conflict in Adoption of Online Collaborative Networks

Wunderbar! Eine ganze Konferenz nur über Konflikt und Collaboration mit hoher Professorendichte. Na, wenn uns das nicht was sagen sollte…

Da möchte ich doch die Schraube etwas anziehen und nochmal betonen: Ohne eine kreative, bejahende, antizipierende Einstellung zu Konflikten, die alle Beteiligten und ihre Organisation verändern, werden die wunderschönen Tools entweder nullifiziert oder ins informelle bis illegale weggedrückt werden. So, bring it on, Monday!

Google Wave als Raum und die Macht der Metapher in Zeiten der Restauration

Dieser Artikel ist, mit minimalen Änderungen, identisch mit meiner Präsentation zum 2. Düsseldorfer WaveWednesday am 12. August 2009.

Eines der erfolgreichsten deutschen Gegenwarts-Meme ist die Frage, ob das Internet ein „rechtsfreier Raum“ sein darf. Warum ist dieses Mem so überaus erfolgreich? Drei Gründe stechen, meine ich, hervor: Zum einen ist dieses Mem randvoll mit jener Form gesamtgesellschaftlich konstruierter Ideologie, die so transparent ist, so unsichtbar, daß sie gar nicht als Ideologie wahrgenommen wird, sondern als selbstverständlicher Bestandteil von Natur und Welt erscheint. Darf es keine „rechtsfreien Räume“ geben? Ist „rechtsfrei vs. rechtserfüllt“ in allen Situationen und Medien einforderbar dasselbe? Gibt es keine akzeptablen Zwischenstufen? Oder leben wir nicht sogar ständig mit genau solchen Zwischenstufen? Darüber müßte zum Beispiel einmal nachgedacht werden. Wird es aber nicht. Das zweite Element, das dieses Mem so erfolgreich macht, ist die rhetorische Macht, die es im Sinne einer metonymischen Manipulation entfaltet. Hier steht ein Aspekt (Kinderpornographie) für ein Medium (das Internet), und jede Frage, die dieses Medium aufwirft (Redefreiheit, informationelle Selbstbestimmung), erscheint durch die Macht der Metapher, der Metonymie, plötzlich auf erpresserische Weise unzulässig („die Kinder, die Kinder!“). Das dritte Element, und da sind wir ganz Mensch und ganz Kaninchen, ist ein billiger Taschenspielertrick: was ist überhaupt dieser „Raum“?

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Disruption und Konflikt

It’s me, Siggi. Einigen wohl bekannt aus der ersten Staffel vom Elektrischen Reporter, einigen aus …was wyrd. Nun also mit diesen feinen Herren hier in diesem Gehäuse. Die Themen, die uns wie ferngesteuerte Magnetit-Cruise-Missiles aufeinandercrashen liessen, sind gleich gut geeignet sowohl Firmen als auch Staaten zu maltretieren. Womit ich beim Thema meines morgigen Kurzvortrags auf dem 2.WaveWednesday wäre. Flotte Kurve, gell?

Was beim allfälligen Gebrauch der Floskel, etwas sei disruptiv nie so recht dargereicht wird, ist die unfeine Begleiterscheinung “Konflikt” (Buh!) wenn etwas wirklich, wirklich disruptiv ist. You don’t get disruption without the ugly sister conflict. Die Frage ist also: Welchen Stellenwert hat Konflikt in der Adaption von Informationstechnologie? Heute nacht werde ich darüber noch etwas nachdenken und hoffe morgen abend alles in ein sauberes 8-Minuten-Schleudertrauma verpacken zu können.

Hier nochmal die Destiny Dates:

2.WaveWednesday
Weißenburgstrasse 52
Düsseldorf
20 Uhr