Diskurskratie vs. Utopiekratie

by Tim Bruysten on 30. Dezember 2010

in Beschleunigung, Die Ästhetische Gesellschaft

Als homo sapiens sapiens sollte man die Evolution lieber nicht doof finden; nur hat ebendiese nicht die Eigenschaft, Halt zu machen, wenn es Vertretern ebenselber Gattung zu bunt wird. Weder zögert sie temporal noch spatial. Sie ist eine grundlegende Eigenschaft von Systemen. Zum Leidwesen zahlreicher Branchen ist die vom homo sapiens sapiens hervorgebrachte Technologie aber auch ein System. Ebenso wie seine Kommunikation. Damit entziehen sich diese drei Begriffe einer allgemeinen Kontrolle. Zwar kann im einzelnen intrasystemisch reguliert oder beeinflusst werden (siehe z.B. „Framing“ in diesem Video), die Entwicklung des Ganzen geschieht jedoch ohne das Zutun einzelner Protagonisten.

In diesem Sinne ist gestern mancherorts eine Diskussion und andernorts ein Diskurs entbrannt. Es wäre dem System Hypertext wie der Intelligenz der Leser des Wavetanks nicht angemessen, die Argumente von dem einen wie dem anderen Ort hier zu repetieren. Es geht vielmehr um das Leitthema, des Verlassens der Postmoderne: Die Medienrevolution. (Die Ästhetische Gesellschaft hat dieses Thema ebenfalls mehrfach erörtert.)

Ein Symptom dieses Systemwechsels ist das Wehklagen der Vertreter der Medienimperien, die einen Markt vertreten, dessen Gut in einer transparenten Gesellschaft keine Wertschöpfungskraft besitzt. Der Markt selbst gewann seine Existenzberechtigung dadurch, dass er zur Beschleunigung und Transparenz beitrug. Damals. Nun hat sich das Ökosystem in dem dieser Markt existiert soweit verändert, dass es ohne ihn „an sich“ beschleunigender wirkt und transparenter ist.

Die Innen- und Außengrenze dieser Medienimperien ist umgeben von einem Ökosystem aus der Moderne in der die Massenmedien nach unserem Verständnis sich etablierten. Der Versuch, die Politik und Wirtschaftsordnung dieser Moderne mit den kommunikativen Gesten der Postmoderne nun in einer restaurativen Bewegung künstlich am Leben zu halten, gleicht einem kulturellen Massaker. Es ist ein Blutbad am 21. Jahrhundert und kein Zweck heiligt die Mittel für ein solches Ziel. Vorgeschobene Argumente wie „Arbeitsplätze“ bekräftigten diese Haltung, da der Begriff, wie die Kulturleistung des „Arbeitsplatzes“ in der Post-Postmoderne sicherlich runderneuert werden, wenn nicht verschwinden wird.

Das Zeitalter der Transparenz ist auch das der Beschleunigung. Und sicher, dies stellt eine mehr als doppelte Herausforderung dar. Unsere Gattung muss sich in ihren Werten beweisen, wie nie zuvor. Während die institutionellen Normgeber durch einen Realzeitdiskurs abgelöst werden, müssen wir, kaum angefangen die notwendigen neuen kulturellen Gesten und Werte auszubilden, diese schon zu verwenden versuchen: beim Erstaunen vor dem anderen System – der Technologie. Die uns ihre exponentielle Entwicklung darbietet. Wir stehen am Scheideweg. Möchten wir den unsichtbaren Utopien und Magien des 21. Jahrhunderts folgen oder mit Gewalt zurückbleiben? (siehe auch: „Vom kulturellen Wirkungsquantum“).

Folgt man den validen Utopien und meidet die Populisten (Kurzweil & C0.), so stehen wir vor wesentlich bedeutenderen Fragestellungen als der Frage nach dem Existenz-Erbrecht, welches die „vierte Gewalt“ für sich anzunehmen scheint und dass nun mittels Steuer künstlich Nährboden geschaffen werden soll. Was für eine absurde Farce, wo doch schon eine alte Theaterweisheit sagt, dass den König die anderen machen: XYZ als institutionalisierte Repräsentanten der vierten Gewalt haben nur in einer Welt ein Existenzrecht, in der es einen faktischen Nutzen für den Souverän gibt (kurzer Verweis auf das oben schon verlinkte Youtube-Video).

„Die Fragen“ sind die nach der Transparenz, Identität, virtueller Synchronizität von Ereignissen, (…) und den kommunikativen Gesten, Regeln und Normen die wir brauchen um diese Begriffe als Leitkulturbegriffe zu begreifen und greifbar zu machen. Das aktuelle Beispiel: Offenbar hat unsere Gesellschaft noch keine gelernten Gesten, geschweige denn Normen für disruptive Kanäle wie Wikileaks. Doch ist Wikileaks nur ein Symptom für eine Eigenschaft eines Systems. Das System ist „Kommunikation“ und die Eigenschaft „Transparenz“.

Die hier schon oft zitierten Verschränkungen der aktuellen Technologien wie etwa Nano-Technologie, synthetische Biologie, Nano-Assembler, Bio- und Gen-Technologie, Robotik, Nano-Robotik, Computing usw. usf. stellen als Trägertechnologien u.a. der oben genannten Begriffe ebenfalls eine doppelte Herausforderung dar. Auf der einen Seite sind sie an sich völlig neu, und sie sind, ohne eine gravierende kulturelle Änderung unserer Kommunikationskultur nur in ihrem Symptomen sichtbar (siehe auch: Elena Esposito: Die Transparenz der Technik in der Medialen Kommunikation).

Diese, oft unterhalb der Wahrnehmungsschwelle der Gesellschaft liegenden technologischen Entwicklungen, entfalten sich mannigfach. Sie sind keine Gadgets, sondern Teil unserer Evolution. Teil von uns. Sie ändern uns im Innersten. Und wir brauchen eine „vierte Gewalt“ die uns dies erschließt. Die uns den notwendigen Diskurs führen lässt. Doch am qualitativen, wie quantitativen Bedarf gemessen ist Facebook zu diesem Zweck sicher besser geeignet als die Süddeutsche.

Der Wechsel in ein Zeitalter der Transparenz muss symmetrisch vollzogen werden. Ansonsten werden wir als Gesellschaften auf Terra größere Anpassungsschmerzen beim Übergang in die neue Epoche haben, als je zuvor.

Insofern: Ja, Mario: Die Verleger hat keiner gerufen. Denn das Internet erfüllt einen anderen Zweck als eine Zeitung. Es kann nicht mit ihr und sie nicht mit ihm mithalten. Es ist kein Publikationskanal. Es ist kein „Ort“ oder „(rechtsfreier) Raum“.

Es ist wir.

Siehe auch:

Siggi schickte mir noch diesen Link, der sehr gut in den Kontext passt und oben zwei mal zitiert wurde:

Und schließlich hat auch der Deutschlandfunk sich des Themas angenommen:

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erz 1. Januar 2011 um 18:53

Abgefahren. Fast das wortgleiche Fazit habe ich vor 11 Monaten gezogen :-)

http://kontextschmiede.de/medienkompetenz-und-das-internet/

Antworten

Sean Kollak 2. Januar 2011 um 12:48

Das Dilemma ist offensichtlich, wo bleiben Lösungsansätze? Konkret gefragt: Wie soll der „Wechsel in ein Zeitalter der Transparenz symmetrisch vollzogen werden“? Gab es je einen Paradigmenwechsel, der ohne Geburtswehen vonstatten ging?

Antworten

Tim Bruysten 2. Januar 2011 um 14:18

@Sean: Wahrscheinlich gab es nie einen Paradigmenwechsel ohne Geburtswehen. Muss auch nicht. Nur haben wir diesmal keinen einfachen Paradigmenwechsel vor uns / oder stecken in einem Paradigmenwechsel mittendrin der uns von einem Plateau auf das nächste schickt. Vielmehr werden wir von einem Plateau durch einen Feuerreifen mitten in Accelerando hineingesprungen. Das verlangt nicht nur neue Regeln, sondern auch neue Regel-Regeln.

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