Differenzen stückeln

by Siggi Becker on 9. Februar 2010

in Allgemein

Mich dünkt einer der Fäden der hiesigen Gespräche – deren Farbe dahingestellt sei – zwirbelt sich mäandernd um die Reduktion von Komplexität in dem Schlamassel, den wir vorläufig aufgehendes 21. Jahrhundert nennen. Instinktiv versuchen wir dabei nicht in Fundamentalismus oder die Apologie überkommener Subsysteme zu verfallen. Aber wie will man den Leap ins Neue schaffen, wenn selbst das entwickeltste Begriffssystem dem verpflichtet ist, was – wie ich vermute – in unserer Zeit insgesamt zur Verhandlung ansteht? Wo entsteht die rettende Paradoxie?

Insofern sind die Gespräche der ästhetischen Gesellschaft auch nur ein weiteres Symptom einer Gesellschaft, der ihr Kontingenzhorizont gerade um die Ohren fliegt. Weitere, weit ärgerlichere Symptome: Schirrmacher, Gaschke, Journalismusdiskussionen, löschen statt sperren, Geld verdienen mit XYZ, Internetausdrucken, AAL, …beliebig erweiterbar.

Ich vermute nun das alles sind Symptome einer tieferliegenderen Krise. Keine ökonomische, ökologische oder lolologische sondern eine der Kommunikation. Wenn nach Luhmann Kommunikation die einzige soziale Operation ist, die Gesellschaft produziert und reproduziert, dann sind natürlich technologische Entwicklungen, die diese Basis beschleunigt unter unseren Füssen umbauen ohne zu überprüfen ob wir sicher stehen, Garant für noch mehr Kontingenz. Unterhaltsam gesprochen.

Dort scheint mir auch einer der Gründe zu liegen, warum die „Ästhetische Gesellschaft“ (nicht wegens Schiller, den Adorno einst als „power und patzig“ titulierte ;-) ) ästhetische Gesellschaft heissen sollte. Das Thema von Kunst, Ästhetik, Mystik und Weisheit war seit je unbestimmte Komplexität, in deren Pool Sinn allenfalls im Freistil erschwommen werden kann.

Eine Gesellschaft, die höhere Komplexität ausbildet, wird also Formen der Erzeugung und Tolerierung struktureller Unsicherheiten finden müssen. Sie wird sich ihre eigene Autopoiesis gewissermaßen jenseits ihrer Strukturen garantieren müssen…“ (Luhmann 1984)

Da fällt mir spontan die Anschlussfrage ein: Weil sonst was???

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Klaus Kusanowsky 21. Februar 2010 um 13:57

Die abschließende Anschlussfrage findet in diesem Artikel ihre Antwort im Anschluss des Artikelanfangs. Die Gesellschaft wird sich ihre eigene Autopoiesis gewissermaßen jenseits ihrer Strukturen garantieren müssen, weil sie sonst keine rettende Paradoxie finden kann.
Sie müsste sich gleichsam transzendieren können um den Leap zu schaffen; sie müsste nicht ihre Begriffswelten revolutionieren oder gar abschaffen, sondern mit ihnen über sie hinaus gelangen. Sie müsste ihre Begriffswelt wie eine Wittgensteinsche Leiter schätzen lernen und fortstoßen wollen.
Aber es sei Vorsicht angebracht, um nicht dem Irrtum zu unterliegen, die rettende Paradoxie hätte den Statuts eines wiederkehrenden Heilands, des erwarteten Ankömmlings zur Behebung der Ratlosigkeit. Vielleicht kann sie erst dann enstehen, wenn man auf die Möglichkeit verzichtet, dass sie entstehen kann?

Antworten

Siggi Becker 21. Februar 2010 um 20:27

Que sera. Die zunehmende Kontingenz lässt einigen den Griff zum Heilssurrogat zumindest sinnvoll (ha!) erscheinen. Ob Homöopathie oder Cyber-Ombudsmann ;-) . Die Frage bleibt meines Erachtens trotzdem bestehen: Weil sonst was? Regression – auch gesellschaftliche – ist als Option immer möglich.

Wittgensteinsche Leiter gefällt. Dazu müsste aber wohl Konstruktivismus im Kindergarten gelehrt werden bei Gefahr der Schizophrenieinduktion ;-) , nicht jedes Gespräch gleich zum „Diskurs“ hochgepusht und mit Antworten weniger Geld verdient werden als mit Fragen.

Antworten

gyokusai 25. Februar 2010 um 02:38

Moment.

Im Kontext der ganz großen Sprünge sind die richtigen Fragen schwieriger zu finden als die richtigen Antworten! Ist die richtige Frage erst formuliert, kann jeder Schmock mit Bücherregal und Taschenrechner im Huckepack die Antwort finden.

:-)

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